Zur Verleihung des Titels „Fair Trade Town“ an Reutlingen am 3. Mai 2012

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrter Herr Holtz, liebe Anwesende,

wenn Sie nach oben schauen, sehen Sie den „Reutlinger Sturmbock“. HAP Grieshaber hat darauf wichtige Ereignisse aus der Reutlinger Geschichte festgehalten, z.B. das Wirken von Gustav Werner. Ich hoffe, dass die Verleihung des Titels „Fair Trade Stadt“ an Reutlingen in Zukunft einmal gemein­sam mit solchen einschneidenden Ereignissen genannt werden wird.

 

Das Wirken von Gustav Werner in Reutlingen begann 1840 klein und unspektakulär. Aber das Werk ist gewachsen, weil es Zeit dafür war. Die sozialen Nöte durch die Verstädterung und die Industria­lisierung waren so groß geworden, dass die alten Verhaltensweisen nicht mehr ausreichten. Neue Wege wurden nötig. Das haben Menschen wie Gustav Werner erkannt und sie hatten auch den Mut, neue Wege zu gehen. Und sie haben Weggenossen und Unterstützer gefunden. Heute sind solche Einrichtungen wie die Bruderhaus-Diakonie selbstverständlich. Damals aber haben viele den Kopf geschüttelt über den jungen Vikar und sein seltsames Vorhaben.

In der Frage des weltweiten Handels sind wir in einer ähnlichen Situation. Die alten Verhaltensweisen reichen nicht mehr. Der Kampf um Öl, um Wasser und um „seltene Erden“ hat schon begonnen. – Die Welt braucht neue Regeln und ein neues Verhalten. Aber das kommt nicht von selber. Jemand muss anfangen. Andere müssen mitmachen. „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert“, dieses Motto Gustav Werners gilt auch heute noch. Es wird heute ergänzt durch das Motto „Think globally, act locally – Denke weltweit, handle vor Ort“. Die Welt ist so zusammengewachsen, dass wir um der gemeinsamen Zukunft willen auch hier bei uns das Notwendige - das Not-wendende - tun müssen.

So wie Gustav Werners Waisenhaus ein kleiner, aber notwendiger Baustein für ein neues Sozialver­halten war, so ist es heute der Faire Handel. Der Faire Handel in Reutlingen begann 1972 mit dem ersten Weltladen im Gerbertorhäusle durch einen kleinen Kreis Engagierter um Karl Unsöld und Klaus Seitz. Die Bewegung ist seitdem gewachsen. Der Weltladen wird heute von 80 Ehrenamtlichen umgetrieben. Über 20 Geschäfte verkaufen Waren aus Fairem Handel, über 10 Restaurants und Cafés bereiten Speisen mit Zutaten aus Fairem Handel zu. Kirchengemeinden und Schulen beschäf­tigen sich mit dem Thema. Alle Fraktionen des Gemeinderates haben dem Antrag für diesen Titel – mit seltener Einmütigkeit – zugestimmt. - Der heutige Tag wird uns kräftigen Rückenwind geben.

Neben Gustav Werner gab es Menschen, die sich anderer sozialer Nöte annahmen: auch für Obdach­lose, für Alte, für Behinderte wurden Einrichtungen geschaffen. So ist der Faire Handel eng verbun­den mit der Bewegung für einen ökologischen Landbau und einen sorgsamen Umgang mit der Schöpfung und verwandten sozialen Bemühungen. Die Begriffe „fair“ und „bio“, „regional“ und „sozial“ gehören eng zusammen.

Ernst Ulrich von Weizäcker hat uns am vergangenen Freitag vor Augen geführt, was unter techni­schen Gesichtspunkten notwendig und machbar ist, um eine nachhaltige Weltwirtschaft zu schaffen. Das ist die technische Seite der Nachhaltigkeit. Daneben steht die soziale Seite der Nachhaltigkeit. Die Oberbürgermeisterin hat die Stichworte dafür genannt: „Fair“ und „gerecht“. Nur zusammen – mit technischen Innovationen, sozialer Fairness und politischer Weitsicht - kann eine nachhaltige Entwicklung für die Eine Welt erreicht werden.

Die besten Ideen können nicht durchgesetzt werden, wenn es nicht Menschen gibt, die sich dafür einsetzen. Ehrenamtlich in Vereinen oder hauptamtlich im beruflichen Umfeld. Für den Bereich des Fairen Handels nenne ich Beispiele: Konfirmanden machen im Weltladen ein Sozialpraktikum, Kir­chengemeinden und Verwaltungen schenken fair gehandelten Kaffe aus, Schüler verpacken Geschenkkörbe, Jugendgruppen verkaufen fair gehandelte Waren für Brot für die Welt, Verbraucher fragen in ihren Läden nach fair gehandelten Waren, Sportvereine legen Wert darauf, dass ihre Lederbälle ohne ausbeuterische Kinderarbeit hergestellt werden, Steinmetze bieten zertifizierte Steine an – was das konkret heißt, wird uns nachher Herr Pütter erläutern.

HAP Grieshaber hat im Anklang an das bekannte Motto von Gustav Werner einmal formuliert „Was nicht politisch wirksam wird, hat keinen Wert“ (nachzulesen in der aktuellen Grieshaber-Ausstellung im Spendhaus). Recht hat er, jedenfalls im Bereich des Fairen Handels. Denn neben dem persön­li­chen Einsatz braucht es auch neue Gesetze. Ich nenne ein Beispiel: Bis vor wenigen Jahren war es den Kommunen nicht möglich, bei ihrer Beschaffung darauf zu achten, ob eine Ware fair gehandelt war oder nicht. Die Verwaltung durfte nur danach schauen, ob die verlangte Qualität stimmte, und musste dann das billigste Angebot nehmen. Die Kommune durfte nicht berücksichtigen, ob evtl. Pflastersteine aus Indien auf Grund ausbeuterischer Kinderarbeit so billig waren. Heute darf eine Kommune beschließen – sie muss es nicht! – nichts zu beschaffen, was auf Grund ausbeuterischer Kinderarbeit hergestellt ist. Viele Kommunen haben es noch nicht beschlossen.

Der Reutlinger Gemeinderat hat damals sehr schnell gehandelt und so den Weg frei gemacht für diese Bewerbung. Aber ohne neue Gesetzte, ohne neue Strukturen des Handels geht es nicht. Des­halb geht es nicht nur um persönliches Einkaufsverhalten, sondern auch um politischen Einsatz.

Das Ziel ist, dass die Menschen in der Einen Welt nicht hungern und nicht auf Almosen angewiesen sind, sondern dass jeder Mensch mit seiner eigenen Arbeit so viel verdienen kann, dass er sich und seine Familie davon ernähren und seine Kinder zur Schule schicken kann, dass er nicht ausgebeutet und nicht vergiftet wird.

Was bisher in Reutlingen erreicht wurde, ist ein guter Anfang. Aber die Bewegung wächst. Bei Gustav Werner kamen jedes Jahr mehr Kinder und mehr Mitarbeitende hinzu. Und es kamen auch die ers­ten Sozialgesetze – z.B. Arbeitslosenversicherung und die Krankenversicherung. Es gab damals Leu­te, die diese Gesetze ablehnten. Aber die Bewegung ging weiter, die Vorbehalte wurden abgebaut. Das gleiche erwarten wir für den fairen Handel und für den ökologischen Landbau.

Sie hier gehören vermutlich zu denen, die schon damals Gustav Werner unterstützt hätten, weil Sie weitsichtig sind und sich um Nachhaltigkeit bemühen. Aber es gibt auch andere. Ich zitiere Ernst Ulrich von Weizäcker „Es gibt Leute, die daran verdienen, dass es immer schlimmer wird.“ Wie die Bemü­hungen um mehr Energieeffizienz Arbeit erfordern, so braucht auch der Faire Handel unseren Einsatz. Aber ich gehe davon aus, dass Sie alle mit daran arbeiten, dass wir die höheren Anforde­rungen erfüllen werden, um uns auch in zwei Jahren weiterhin eine Fair Trade Stadt nennen können. – Nehmen wir uns Gustav Werner zum Vorbild – dann wird auch der Faire Handel später einmal auf einem neuen Reutlinger Sturmbock seinen Platz haben.

Kirchenrat i.R. Dr. Jürgen Quack, Eine Welt Verein Reutlingen