Vortrag von Benjamin Pütter, MISEREOR, anlässlich der Verleihung des Titels "Fairtrade Town" an die Stadt Reutlingen am 03.05.2012

Jeder dritte deutsche Grabstein kommt aus Indien. Aus einem Steinbruch grob herausgebrochen, fertig gestellt in China, inklusive eingraviertem Name und Daten. Warum? Weil es billiger ist. Benjamin Pütter zeigte an Hand von aktuellen Fotos aus indischen Steinbrüchen, warum diese Steine so billig sind.

Kinderarbeit ist verboten. Außer zwei Staaten (USA und Somalia) haben weltweit alle Staaten die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN 1989) unterschrieben. Auch die ILO Konvention 182 findet breite Annahme. Indien sei ein Staat, der seinen Bürgerinnen und Bürgern die meisten Rechte einräumt, der vieles durch Gesetze regle. Die Gründe, warum es dort trotzdem Kinderarbeit gäbe, sind Armut, Analphabetismus, Korruption, Wegschauen. Wer nicht lesen kann, kennt seine Rechte nicht. Wenn Kinder in Siedlungen direkt neben einem Steinbruch geboren werden und von Kindesbeinen an dort arbeiten müssen, kennen sie nichts anderes. Kein Internet, kein Fernsehen, keine Bücher, keine Spiele. Sie wüssten gar nicht, dass es auch ein anderes Leben mit Schule und Freizeit gibt, diese Erfahrung macht Benjamin Pütter oft nach Befreiungsaktionen.

Kinder aus Zwangsarbeit zu befreien, sei nicht einfach. Es muss zusammen mit dem Staat, mit Polizei und Behörden, geschehen, damit die Kinder auch das staatliche Befreiungsgeld erhalten und Pütter nicht des Kinderraubs bezichtigt werden kann. Es muss ohne Vorwarnung geschehen, sonst findet er die Kinder in einem Heuhaufen versteckt, kurz vor dem Ersticken. Das sei schon vorgekommen. Wenn sie dann nach tagelangem Schweigen und Schockzustand in den extra eingerichteten Heimen Vertrauen fassen und zu reden beginnen, erfährt man Unvorstellbares.

 

Benjamin PütterWas ist Kinderarbeit? Nicht, wenn ein Kind nach dem Mittagessen beim Geschirrspülen helfen soll oder nach den Hausaufgaben in der heimischen Landwirtschaft mitarbeitet. Kinderarbeit ist, wenn eine Person unter 15 Jahren NICHT in die Schule gehen darf, weil sie arbeiten MUSS.

Als ausbeuterische Kinderarbeit wird definiert, wenn diese Arbeit unter gesundheitsschädigenden Bedingungen geschieht.

Diese besonders schlimmen Formen müssten vorrangig bekämpft werden. Doch dazu ist zunächst Aufklärungsarbeit notwendig. Er selbst hätte zu Beginn seiner Tätigkeit als Kinderarbeitsexperte bei MISEREOR nicht gedacht, dass in Indien Kinder arbeiten müssten. Die Mittelschicht in Indien wächst, und dennoch ist Indien das Land mit dem größten Anteil an Kinderarbeit weltweit.

Die Bilder, die Pütter in seinem Vortrag zeigte, waren erschütternd. Und dennoch: der Titel war Programm, denn Pütter zeigte viele mögliche Alternativen zur Kinderarbeit auf. Denn Kinderarbeit zu verbieten ohne Hilfe sei zynisch. Einerseits weil die Eltern aus der Not heraus handelten und andererseits weil die Gefahr bestehe, dass die Kinder dann in andere Produktionszweige abwanderten.

Vorrangig seien Befreiungsaktionen zusammen mit der Polizei und den Behörden. Schulen direkt neben den Steinbrüchen könnten gebaut werden, damit die Familien zusammenbleiben und die Kinder trotzdem eine Schule besuchen könnten. Einkommen schaffende Maßnahmen für die Eltern verhindere Kinderarbeit. In Indien selbst müsse das Thema stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung gebracht werden, Lobbyarbeit auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene sei nötig. Durch Netzwerkbildung könnten die vielen Gruppen zusammen gebracht werden und so stärker und effektiver die Armut und die Kinderarbeit bekämpfen.

Zu guter Letzt seien auch Veranstaltungen wie diese wichtig, um die Konsumenten über die Hintergründe der billigen Preise zu informieren und die Alternativen - fair gehandelte, zertifizierte Produkte ohne ausbeuterische Kinderarbeit und Armut bekämpfend - bekannt zu machen.